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Wer wird diskriminiert? Versicherer dürfen die Beiträge künftig nicht mehr nach dem Geschlecht kalkulieren, sagt der Europäische Gerichtshof.
Ob Mann oder Frau, das soll in der Versicherung künftig keine Rolle mehr spielen, urteilen höchste Richter. Branchenexperte Manfred Poweleit sieht die Männer damit um ihre Altersvorsorge betrogen und ruft sie zum Boykott der privaten Rentenversicherung auf. Auch in der privaten Krankenversicherung drohe ein weiterer Preisschub.
mm: Herr Poweleit, der Europäische Gerichtshof fordert von der Assekuranz ab 2012 geschlechtsneutrale Tarife ein. Sie rufen die Männer jetzt zum Boykott gegen die private Rentenversicherung auf. Das sollten Sie erklären.
Poweleit: Mit ihrem Urteil setzen die Luxemburger Richter grundlegende mathematische Regeln außer Kraft. Sie schaffen damit ein Umfeld, in dem Männer die Rentenversicherung zur Altersvorsorge nicht mehr nutzen sollten. Wer als Mann nach 2012 eine private Rentenpolice kauft, wird um seine Altersvorsorge regelrecht betrogen. Ich halte das Urteil für ein krasses Fehlurteil.
mm: Betrogen?
Poweleit: Ja. Dem Urteil nach sollen Prämien und Renten für Männer und Frauen künftig gleich hoch ausfallen. Wer als 65-jähriger Mann einmalig 50.000 Euro in eine sofort beginnende Rentenversicherung einzahlt, erzielt derzeit im Schnitt eine Monatsrente von rund 300 Euro. Nach der aktuellen Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes hat ein Mann eine Lebenserwartung von 77,3 Jahren und die Frau von 82,5 Jahren. Die Frau bezieht also im Schnitt gut fünf Jahre länger Rente als der Mann und erhielte bei gleicher Einzahlung 18.720 Euro oder 42,17 Prozent mehr ausgezahlt. Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Das ist für mich Betrug, offene Männerdiskriminierung.
mm: Über Gerechtigkeit lässt sich trefflich streiten. So zahlt eine 40-jährige Single-Frau mit komplettem Versicherungsschutz jährlich rund 1500 Euro Prämien mehr als ein Mann - in erster Linie wegen ihres Geschlechts. Was also spricht gegen ein Diskriminierungsverbot in der Assekuranz?
Poweleit: Ich halte es überhaupt nicht für diskriminierend, wenn Versicherer zur Absicherung unterschiedlicher Risiken auch unterschiedlich hohe Prämien verlangen. Frauen leben nun einmal 5,2 Jahre länger als Männer. Deshalb sind Renten- und Krankenversicherungen nun einmal teurer. Aus Sicht der Versichertengemeinschaft sind das nicht von der Hand zu weisende Risiken. Jetzt aber schreiben die Richter der Assekuranz Diskriminierung ja geradewegs vor.
mm: Moment. In der klassischen Riester-Rente sind geschlechtsneutrale Tarife seit Jahren Pflicht. Unabhängig vom Geschlecht gilt: gleiche Prämie, gleiche Leistung. Hören Sie heute noch jemanden über Diskriminierung oder das drohende Aus der Riester-Rente klagen?
Poweleit: Nein, und das ist auch unverständlich …
mm: … vielleicht weil die Riester-Rente trotz Unisex boomt und die Assekuranz gut daran verdient?
Poweleit: Seien Sie versichert - Menschen, die das nötige mathematische Verständnis für dieses Produkt haben, nehmen die Riester-Rentenversicherung nicht sonderlich ernst. Wir sollten auch eines nicht vergessen. Das Produkt ist noch jung. Ich schließe nicht aus, wenn wir erst einmal statistisch ausreichend verwertbare Ablaufleistungen über diese Verträge haben, dass sich dann noch so mancher Kunde wundern dürfte.
2. Teil: "Unterschiedliche Risiken müssen unterschiedlich viel kosten"
mm: Haben Lebenswandel und Suchtverhalten heute nicht eine viel größere Wirkung auf die Gesundheit und die Lebenserwartung? Warum also nicht auf das Geschlecht als Risikofaktor verzichten?
Poweleit: Gegenfrage. Wer hat denn schon mal nachgewiesen, warum Frauen im Schnitt 5,2 Jahre länger leben als Männer?
mm: Sagen Sie es uns.
Poweleit: Ich kenne keine Studie, die das brauchbar untersucht hat. Gleichwohl bin ich überzeugt, dass es vor allem mit der körperlichen Belastung im Berufsleben zu tun hat. Frauen üben, falls berufstätig, überwiegend körperlich weniger anstrengende Berufe aus als Männer. Berufe, in denen sich Männer bis zur vorzeitigen Berufsunfähigkeit aufreiben, etwa die schweren Bauhandwerke, weisen Frauenquoten von maximal 2 Prozent auf.
mm: Wir leben mittlerweile in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft, in der jeder dritte Arbeitnehmer nicht wegen kaputter Knochen, sondern wegen einer kaputten Psyche vorzeitig aus dem Job ausscheidet - auch Frauen. Nachzulesen in Ihrem Map-Report.
Poweleit: Richtig. Die Arbeitswelt wandelt sich und damit auch das statistische Bild der Berufsunfähigkeit. Die Statistik zeigt aber auch, dass in jenen Berufen, bei denen mehr als die Hälfte der Menschen im Zuge einer Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit vorzeitig den Job quittieren muss, die Frauenquote prozentual im einstelligen Bereich liegt. Das darf indes über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen: Seit der Anteil berufstätiger Frauen steigt, schrumpft auch ihr Vorsprung in der Lebenserwartung gegenüber den Männern.
mm: Wann ziehen die Geschlechter hier gleich?
Poweleit: In zwei bis drei Jahrzehnten wird sich die Lebenserwartung von Männern und Frauen in etwa angeglichen haben. Ab diesem Zeitpunkt hätte ich auch kein Problem mit Unisex-Tarifen in der Rentenversicherung. Das hat nicht im Geringsten etwas mit Frauenfeindlichkeit zu tun. Es geht hier schlicht um eine vernünftige Kalkulation von Risiken. Unterschiedliche Risiken müssen in der Versicherung nun mal unterschiedlich viel kosten. Es kann nicht sein, dass Richter jetzt vermeintliche Frauendiskriminierung durch Männerdiskriminierung ersetzen. Man muss hier vernünftige Wege finden.
3. Teil: "Jetzt besteht die Gefahr der Preistreiberei"
mm: Die Assekuranz erwartet, dass die neuen einheitlichen Beiträge im Schnitt steigen werden. Das nährt den Verdacht, dass die Branche, so sehr sie das Urteil kritisiert, es jetzt dazu nutzt, die Beiträge pauschal anzuheben, um die Gewinne zu maximieren.
Poweleit: Von Gewinnmaximierung kann keine Rede sein. Es geht vielmehr darum, Verluste zu minimieren. Die Beiträge müssen zwangläufig im Schnitt steigen.
mm: Kann eine kalkulatorische Angleichung zwischen Mann und Frau in den einzelnen Sparten nicht zu der gleichen Prämiensumme führen, warum müssen die Beiträge in der Summe klettern?
Poweleit: Weil die Assekuranz jetzt einen neuen Risikopuffer braucht. Eine der Grundlagen, auf denen die Lebens- und Rentenversicherer ihre Prämien berechnen, ist die Sterbetafel, die andere der Rechnungszins. Die Sterbetafel haben die Richter der Assekuranz mit ihrem Urteil quasi aus den Händen geschlagen. Das erschwert die Kalkulation solcher Verträge, die bis zu 50 Jahre laufen, ganz enorm. Aktuare müssen jetzt notgedrungen über höher kalkulierte Prämien neue Puffer einziehen.
mm: Sehen Sie die Gefahr der Preistreiberei?
Poweleit: Die Gefahr besteht durchaus. Denn wer bis zu 50 Jahre die Erfüllbarkeit von Verträgen garantieren muss, könnte aus lauter Ängstlichkeit vor dieser Verantwortung bei der Produktgestaltung übertreiben.
mm: So mancher Unternehmensberater rät der Assekuranz angesichts der neuen Rechtslage zum offensiven Schlussverkauf. Rechnen Sie damit?
Poweleit: Einen Schlussverkauf in der Rentenversicherung würde ich sehr begrüßen. Männer sollten sich auch mal wehren. Wenn Sie mit einer Rentenpolice für das Alter vorsorgen wollen, sollten sie das zu alten Konditionen bis Mitte Dezember nächsten Jahres tun. Danach sollten sie sich freiwillig an diesem Frauenbeglückungsprogramm jedenfalls nicht mehr beteiligen.
mm: Was erwarten Sie für die private Krankenversicherung, wo Frauen ja ungleich höhere Beiträge zahlen als Männer?
Poweleit: Hier könnte es wirklich zu ernsten Problemen kommen. Ein Beispiel: In der Altersgruppe der über 85-Jährigen verursachen Frauen pro Kopf und Jahr 15.330 Euro Krankheitskosten in der PKV. Die Männer liegen bei 11.490 Euro. In dieser Altersgruppe stellen Frauen zudem einen Bevölkerungsanteil von fast 75 Prozent. Wenn die Branche die hohe Lebenserwartung dieser Frauen nicht mehr in Prämienunterschieden abbilden darf, ist zumindest für mich völlig offen, wie die PKV im Alter noch bezahlbar bleiben soll.

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